Wirklichkeit erschlägt Kunst (vielleicht)
Artworks
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Wirklichkeit erschlägt Kunst (vielleicht)
Michael Krebber & Louis Vivin
Es gibt Ausstellungen, die auf Ähnlichkeiten beruhen. Und es gibt solche, die gerade aus der Unvereinbarkeit ihre Spannung gewinnen. Wirklichkeit erschlägt Kunst (vielleicht) bringt zwei Künstler zusammen, die auf den ersten Blick kaum weiter voneinander entfernt sein könnten: den französischen Naiven Louis Vivin (1861–1936) und den deutschen Gegenwartskünstler Michael Krebber (*1954). Der eine: Postbeamter auf dem Montmartre, Autodidakt, Chronist eines verschwindenden Paris. Der andere: Professor, Künstlerkünstler, intellektueller Saboteur der Malerei selbst. Zwischen ihnen liegen nicht nur Jahrzehnte, sondern ganze Systeme von Kunstverständnis. Und doch begegnen sie sich überraschend nah.
Denn beide stellen dieselbe Frage: Was kann Malerei überhaupt noch leisten gegenüber der Wirklichkeit?
Louis Vivin malt die Welt, als müsse sie gerettet werden. Seine Straßen von Paris, seine Winterlandschaften, Plätze, Fassaden und Gärten erscheinen mit einer beinahe zärtlichen Genauigkeit. Perspektiven kippen leicht, Figuren wirken entrückt, die Architektur scheint zugleich real und traumhaft. Vivins Bilder besitzen jene eigentümliche Ruhe der Naiven Malerei, die weniger aus Unwissen entsteht als aus einer radikalen Form von Aufmerksamkeit. Seine Welt ist nicht akademisch konstruiert – sie ist empfunden. Gerade deshalb wirken seine Bilder heute erstaunlich modern: nicht trotz, sondern wegen ihrer Einfachheit.
Michael Krebber dagegen misstraut jedem Bild. Seine Malerei operiert an der Grenze des Verschwindens: ein paar Linien auf roher Leinwand, eine hingeworfene Geste, eine absurde Textspur, eine scheinbar halb fertige Komposition. Krebber malt, als wolle er den Begriff des Meisterwerks systematisch unterlaufen. Seine Bilder verweigern Virtuosität und Größe, sabotieren Erwartungshaltungen und attackieren den Kunstbetrieb mit subtiler Ironie. Und dennoch – oder gerade deshalb – entwickeln sie eine eigentümliche Intensität. Hinter der demonstrativen Zurückhaltung liegt ein hoch sensibles Nachdenken über die Möglichkeit von Malerei nach der Moderne.
Hier beginnt der eigentliche Dialog dieser Ausstellung.
Vivin und Krebber verbindet die produktive Unsicherheit gegenüber dem Bild. Beide unterlaufen akademische Sicherheit – wenn auch aus entgegengesetzten Richtungen. Vivin malt außerhalb der akademischen Tradition; Krebber malt gegen sie an. Bei Vivin entsteht daraus eine unberührte Direktheit, bei Krebber eine kalkulierte Fragilität. Der eine glaubt noch an die Sichtbarkeit der Welt. Der andere zweifelt daran, ob Bilder überhaupt noch glaubwürdig sein können.
Und doch: Beide Künstler entwickeln Formen der Verletzlichkeit.
Vivins Stadtansichten zeigen eine Wirklichkeit, die langsam verschwindet – ein Paris vor Beschleunigung, Spektakel und Bildüberproduktion. Krebbers Bilder dagegen wirken wie Relikte nach der Explosion aller Bilder. Seine Leinwände erscheinen oft leer, unterbrochen, beinahe beschämt. Er hat selbst wiederholt von „embarrassment“ gesprochen: einer produktiven Verlegenheit gegenüber dem Pathos der Kunst. Diese Verlegenheit ist vielleicht gar nicht so weit entfernt von Vivins stiller Bescheidenheit.
Der Ausstellungstitel Wirklichkeit erschlägt Kunst (vielleicht) bleibt bewusst ambivalent. Vielleicht wird Kunst tatsächlich von Wirklichkeit überwältigt: von Geschichte, Alltag, Politik, Medien, Geschwindigkeit. Vielleicht ist jedes Bild immer schon zu spät. Doch vielleicht beginnt genau dort ihre Dringlichkeit. Denn weder Vivin noch Krebber kapitulieren vor dieser Übermacht. Beide reagieren mit Reduktion.
Vivin antwortet mit der konzentrierten Hingabe an das Sichtbare.
Krebber antwortet mit dem Zweifel selbst.
So entsteht zwischen beiden Positionen eine überraschende kunsthistorische Linie: von der Naiven Malerei über die Krise der Moderne bis zur Gegenwart einer erschöpften, aber hartnäckig weiterexistierenden Malerei. Vivin steht historisch nahe an Henri Rousseau und den „Malern des Heiligen Herzens“, deren Außenseitertum später von der Avantgarde gefeiert wurde. Krebber wiederum führt zentrale Strategien der europäischen Neo-Avantgarde fort – von Martin Kippenberger bis zur institutionskritischen Konzeptkunst. Beide Künstler stehen quer zur Vorstellung eines souveränen, heroischen Malers. Beide verweigern Perfektion. Beide machen Malerei seltsam menschlich.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Pointe dieser Begegnung:
Dass Kunst gerade dann lebendig wird, wenn sie ihre eigene Unsicherheit zulässt.
Die Ausstellung lädt dazu ein, langsam zu schauen. Die Bilder nicht als Antworten zu lesen, sondern als fragile Behauptungen gegen das Verschwinden. Zwischen Vivins stillen Straßen und Krebbers beinahe verschwindenden Gesten öffnet sich ein Raum, in dem Malerei weder triumphiert noch scheitert – sondern tastend weiterexistiert.
Und vielleicht ist genau das heute ihre größte Stärke.