WE ARE IN BETWEEN WORLDS
Artworks
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Kristallen werden seit jeher heilende und schützende Kräfte zugeschrieben. Der Übergang in die Welt der Spiritualität zum Okkultismus erscheint dabei fließend. ‘Occultus’ – das Verborgene – bezeichnet Erfahrungen, die jenseits rationaler Erklärung liegen. Phänomene zwischen den Welten. Mit dem späten 19. Jahrhundert erlebte der Okkultismus eine neue Hochkonjunktur: Séancen, Tischrücken und spiritistische Experimente existierten parallel zu modernen Bildtechnologien wie Fotografie und Röntgen, die versprachen, Unsichtbares sichtbar zu machen. Medien, viele davon weiblich, nahmen dabei eine zentrale Rolle als Vermittlerinnen zwischen Diesseits und Jenseits ein. Die Hoffnung, paranormale Erscheinungen technisch zu belegen, materialisierte sich in den sogenannten Ektoplasmen – körperähnlichen Substanzen, die aus Medienträgern auszutreten schienen und fotografisch festgehalten wurden. Der Körper selbst wurde zur Schnittstelle zwischen den Sphären, zur Projektionsfläche des Unsichtbaren.
Tina Kohlmanns Arbeiten bewegen sich genau in diesem Spannungsfeld zwischen Materialität und Imagination, zwischen Körper und Spekulation. Ihre Objekte wirken wie Überbleibsel einer fremden Kultur – Relikte aus einer Sphäre, die sich gängigen Ordnungen entzieht. Dabei sind ihre Skulpturen ebenso humorvoll wie unheimlich, ebenso künstlich wie verletzlich. Der Ausstellungsraum verwandelt sich dabei zu einem liminalen Raum, den Stofflichkeit und Licht zu einer blauen Membran zwischen Realität und Imagination verdichten.
Entlang der Stirnwand hängen acht Achatscheiben, ein Stein, dem schützende und beruhigende Kräfte zugeschrieben werden. In ihrer ovalen Form erinnern sie an eine Ahnengalerie geisterhafter Gesichter, versehen mit Bergkristallen, Glocken oder Haarextensions – letztere integriert Kohlmann seit ihrem Aufenthalt in New York in ihr Werk. Die Objekte oszillieren mit Evans und Marshall (beide 2020) zwischen melancholischer Jugendästhetik und spiritistischen Figurationen wie bei den mediengleichen Köpfen Stanislawa P. (2020) und Eva C. (2025), aus deren Körperöffnungen scheinbar Ektoplasma fließt. Hier jedoch sind es die synthetische Haarsträhnen, die aus den mineralischen Formen herauszuwachsen scheinen. Kohlmann zelebriert den Zusammenstoß gegensätzlicher Materialien: Achat trifft auf Plastik, Gips auf Epoxidharz, Malachit auf Kunsthaar. Eine Gleichwertigkeit des Heterogenen, die an die Wunderkammer erinnert. Die drei freistehenden Skulpturen Crazal (2025), Cassotis (2022) und Chetel (2021) muten zugleich wie archaische Gefäße und organische Figuren der Unterwelt an. Beide Momente bündeln sich im mythologischen Titel Cassotis, der mit kassyo im Altgriechischen für „sticken“ oder „zusammenfügen“ steht und zugleich auf die Quellnymphe des Orakels von Delphi verweist, die der Priesterin ihre Weissagungen verlieh.
Im Zentrum des Raumes stehen Cosmedin + Ammon (2021), zwei überdimensionale Masken, die als Wächterfiguren fungieren. Kohlmann referiert hier auf die „Bocca della Verità“ in Rom – eine steinerne Wandskulptur, die der Legende nach als maskenhafter Schlund Lügnern die Hand abbeißt. Ihre Version ist zahmer, weicher: metallisch schimmernd, mit silbrig-weißen Haar und verspieltem Ausdruck. Die Münder grinsen, lila Fahrradketten blockieren den Schlund – der Wahrheitsbeweis wird entschärft, vielleicht sogar ironisiert. Auch Theta State (2023) widmet sich dem Zustand des Dazwischen. Theta-Wellen bezeichnen neuronale Schwingungen im Gehirn, die im Übergang von Wachsein zu Schlaf auftreten, ebenso wie Trance oder Hypnose. Ein Zustand, in dem sich das Bewusstsein verlangsamt und das Unterbewusste an die Oberfläche tritt.
Kohlmanns Arbeit evoziert dieses Abgleiten in einen Zwischenraum. Angesichts der fortschreitenden Entzauberung der Welt, der Allverfügbarkeit von Informationen und der schwindenden Bedeutung traditioneller Religionen überrascht die Rückkehr spiritueller Praktiken kaum. Astrologie, Tarot, Manifestations- und Frequenzenlehren bilden dort das Versprechen nach Orientierung, wo rationale Erklärungen nicht mehr trösten. Wie schon im 19. Jahrhundert scheint sich auch heute die Sehnsucht nach dem Irrationalen als Gegengewicht zu einer überrationalisierten Gegenwart zu formieren. Kohlmanns Arbeiten verhandeln genau diese Sehnsucht: nach dem Unsichtbaren, dem Unbenennbaren, dem, was sich mit dem bloßen Auge nicht festhalten lässt – einem Ort zwischen den Welten.
Maja Lisewski
Crystals have long been credited with healing and protective powers. The passage from the realm of spirituality to that of the occult appears seamless. Occultus – the hidden – names experiences that lie beyond rational explanation. Phenomena that hover between worlds. In the late nineteenth century, occultism enjoyed a fresh boom: séances, table-turning and spiritualist experiments coexisted with modern image technologies such as photography and X-ray imaging, which promised to render the invisible visible. Mediums, many of them women, assumed a central role as intermediaries between this world and the next. The hope of providing technical proof of paranormal phenomena materialised in the so-called ectoplasms: body-like substances that seemed to emanate from mediums and were captured photographically. The body itself became an interface between spheres, a surface on to which the invisible could be projected.
Tina Kohlmann’s practice operates precisely within this charged field between materiality and imagination, between corporeality and speculation. Her objects read like remnants of an unfamiliar culture – relics from a sphere that eludes established orders. Her sculptures are at once humorous and uncanny, artificial and vulnerable. The exhibition space becomes a liminal zone in which texture and light compress into a blue membrane between reality and imagination.
Along the front wall hang eight slices of agate, a stone associated with protective and calming qualities. Their oval forms evoke an ancestral gallery of spectral faces, adorned with rock crystal, bells or hair extensions – the latter having become integral to Kohlmann’s work since her time in New York. Oscillating between melancholy youth aesthetics like Evans and Marshall (both 2020), and spiritist figurations, such as the media-like heads Stanislawa P. (2020) and Eva C. (2025), from whose bodily orifices ectoplasm appears to flow. Here, however, it is synthetic strands of hair that seem to sprout from the mineral surfaces. Kohlmann revels in the collision of oppositional materials: agate meets plastic, plaster meets epoxy resin, malachite meets artificial hair. It is a parity of the heterogeneous, reminiscent of the wunderkammer. The three free-standing sculptures Crazal (2025), Cassotis (2022) and Chetel (2021) read simultaneously as archaic vessels and as organic underworld creatures. Both aspects converge in the mythological title Cassotis, derived from kassyo in Ancient Greek, meaning “to stitch” or “to join”, while also recalling the spring nymph of the Delphic oracle who bestowed her prophecies upon the priestess.
At the centre of the room stand Cosmedin + Ammon (2021), two oversized masks that function as guardian figures. Kohlmann here references Rome’s “Bocca della Verità” – a stone wall sculpture said, in legend, to bite the hands of liars with its gaping, mask-like mouth. Her version is gentler, softer: metallic in its shimmer, with silvery-white hair and a playful expression. The mouths grin; purple bicycle chains block the gullet – the test of truth is neutralised, perhaps even ironised. Theta State (2023) likewise attends to the condition of in-betweenness. Theta waves denote neural oscillations in the brain that arise in the transition from wakefulness to sleep, as well as in trance or hypnosis – a state in which consciousness slows and the subconscious rises to the surface.
Kohlmann’s work evokes this slipping into an interstitial realm. In an age marked by the ongoing disenchantment of the world, the total availability of information and the declining significance of traditional religions, the return of spiritual practices comes as little surprise. Astrology, tarot, manifestation and frequency teachings promise orientation where rational explanations no longer console. As in the nineteenth century, the yearning for the irrational seems once again to be forming as a counterweight to an over-rationalised present. Kohlmann’s works negotiate precisely this longing: for the invisible, the unnameable, that which cannot be grasped by the naked eye – a place between worlds.
Maja Lisewski